WAZ 26.03.2010

 

Beinahe-Seitensprung im Stratmanns macht Spaß

Gefeierte deutsche Erstaufführung der holländischen Tragikomödie „Unter Vögeln“

 

Gordon K. Strahl

 

Gelungene Deutschlandpremiere für ein holländisches Erfolgsstück: Das Publikum im Stratmanns-Theater feierte die Erstaufführung der Tragikomödie „Unter Vögeln“ des niederländischen Kabarettisten Haye van der Heyden frenetisch.

Das Stück wirft einen ironischen, bisweilen bitterbösen Blick auf das moderne Beziehungsleben:

Auf einer Party freunden sich zwei Pärchen miteinander an. Auf der einen Seite der bodenständige, schüchterne Gunnar (Guido Fischer), der eine langjährige Ehe mit der vom Selbstmitleid zerfressenen Esther (Christine Stienemeier) führt, und auf der anderen Seite der intellektuellarrogante Lebemann Rick (Björn Jung), der mit der hübschen Corinne (Fiona Metscher) eine offene Beziehung führt. Diese ist nymphoman veranlagt und schmeißt sich sogleich an Gunnar ran, der ihre Annäherungsversuche nur unzureichend abzuwehren versteht. So kommt es zum unvermeidlichen Seitensprung — jedenfalls fast, denn in letzter Sekunde verlässt Gunnar die Manneskraft.

 

Die Lacher bleiben oft im Halse stecken

 

Was auch guten Stoff für eine Boulevardkomödie abgeben würde, läuft zum Glück nie Gefahr, in eine solche abzudriften. Dazu trägt schon die distanzierte, fast ans epische Theater angelegte Dramaturgie des Stückes bei, die die Schauspieler aus ihren Rollen treten lässt, um dem Publikum ihre Gefühle und Handlungsmotivation vor Augen zu führen.

Regisseur Paul Kribbe, der das Stück auch vom Niederländischen ins Deutsche übersetzt hat, unterstützt diese Erzählweise, indem er sein spielstarkes Ensemble durch ein karges Bühnenbild lenkt, das viel Raum für eigene Projektionen lässt.

Vor allem die Figurenentwicklung macht Freude: Kommt das Quartett anfangs noch sehr schablonenhaft daher, offenbart nach und nach jeder Charakter seine eigenen seelischen Abgründe.

So bleiben die durch viel Wortwitz ausgelösten Lacher manches Mal im Hals stecken. So bietet das ungewöhnliche Stück vorzügliche Unterhaltung mit Hintersinn.

Westfälische Rundschau 17.04.2010

Die komische Seite einer Beziehung Cathérine Wenk

 Sie stehen auf der Bühne, die vier Schauspieler, und stellen ihre Rolle dem Publikum vor. Fast ein wenig in Brecht’scher Manier beginnt „Unter Vögeln”, das im Fletch Bizzel Premiere feierte. Das Stück, aufgeführt vom Fischer & Jung- Ensemble, handelt von der Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau, ihrem Andersdenken und -fühlen. Als exemplarisch für diese Betrachtung dienen die Pärchen Rick und Corinne sowie Gunnar und Esther. Jeder von ihnen verkörpert einen bestimmten Charaktertypen. So ist Rick ein überheblicher Karrieremensch, der Gefühle nicht zulassen will. Corinne gibt die begehrte Liebhaberin, die ihr wahres Glück nicht findet und Esther stellt die spröde, sich selbst bemitleidende Frau dar. Und dann wäre da noch Gunnar. Er trägt Strickweste und wirkt bieder, bedauert jedoch zugleich die Eintönigkeit in seinem Leben. Im Verlauf des Stückes entwickeln die Personen eine gewisse Eigendynamik. Corinne verführt Gunnar. Nach anfänglichem Zögern lässt sich Esther auf Rick ein. Natürlich sind alle Vier bewusst überzeichnet. Teilweise wirkt dies zu klischeehaft, etwa wenn Rick verkündet, er verliebe sich nicht. Dann überkommt einen das Gefühl, solche Sätze in mittelmäßigen Filmen oder Comedyshows schon viel zu oft gehört zu haben. Doch die großartige Besetzung des Stücks gleicht diese Schwäche aus. Überhaupt lebt „Unter Vögeln” von der Lebendigkeit der Schauspieler. Sie nehmen das Publikum mit, tauchen es ein in die Absurdität der Beziehungswelt zwischen Mann und Frau. Und dieses identifiziert sich, das beweisen die zahlreichen Lacher im gut besetzten Zuschauerraum. „Wir haben den Untertitel ’Eine komische Beziehungstragödie’ für das Stück ausgewählt. Denn die Form von Beziehung kann sowohl komisch als auch tragisch sein”, erzählt Björn Jung (Rick). Der Komponenten des Komischen wird das Stück mehr als gerecht.